| Veranstaltung: | Frühjahrs-Landesmitgliederversammlung 2026 der GRÜNEN JUGEND NRW |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | 8 Verschiedene Anträge |
| Antragsteller*in: | Vorstand GJ Bielefeld (dort beschlossen am: 31.03.2026) |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 31.03.2026, 22:30 |
V6: Mentale Gesundheit darf keine Frage des Geldes sein!
Antragstext
Was ist passiert?
Der erweiterte Bewertungsausschuss hat beschlossen, dass ab dem 01. April 2026
die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen um 4,5 % abgesenkt werden soll.
Eine Kürzung, die weitreichende Folgen hat.
NRW und die psychologische Versorgung
Eine Studie über die Wartezeiten für psychologische Hilfe der BPtK aus 2018
zeigt, dass schon zu diesem Zeitpunkt durchschnittlich 139,3 Tage auf einen
Therapieplatz gewartet werden musste. Auf dem Land und in bestimmten Regionen
müssen Betroffene besonders lange warten, z.B. im Ruhrgebiet: 2018 betrug die
durchschnittliche Wartezeit 205,8 Tage. 2022 ändert sich nach Zahlen der BPtk an
der durchschnittlichen Wartezeit kaum etwas, 142,2 Tage – etwas mehr als im Jahr
2018.
Dabei ist die psychologische Versorgung mehr gebraucht denn je. Ergebnisse der
Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ zeigen, dass der Anteil junger Menschen
zwischen 14 bis 29 Jahren, die angegeben haben, psychologische Unterstützung zu
benötigen, mit 29 % einen neuen Höchstwert erreicht. Und kaum jemand spricht
darüber.
Kürzungen und deren Auswirkung
Wie zu Beginn geschildert soll das Honorar der Psychotherapeut*innen um 4,5 %
gekürzt werden. Gleichzeitig werden die Strukturzuschläge um 14,25 % angehoben –
das Problem: Nicht alle Praxen haben Anspruch auf den Zuschlag. Und selbst die
Praxen, die den Zuschlag in vollem Umfang erhalten, müssen mit einer
Honorarsenkung von 2,8% umgehen.
Psychotherapeut*innen sind unter den Praxisinhaber*innen ohnehin schon die am
wenigsten verdienende Arbeitsgruppe. Nach Abzug der Praxiskosten bekommen sie
gerade einmal 52 € pro Arbeitsstunde – die Hälfte dessen, was
Praxisinhaber*innen der wohnortnahen fachärztlichen Versorgung im Durchschnitt
bekommen. Ein wichtiger Unterschied zu anderen Praxen: Psychotherapeut*innen
sind fast vollständig zeitgebunden, da jede Sitzung 50 min lang sein muss.
Deswegen ist es ihnen nicht möglich, mehr Behandlungen in der gleichen Zeit
durchzuführen, um damit ihren Verdienst zu erhöhen. (Quelle: BPtK 12.03.2026)
Um Psychotherapeut*in zu werden, muss nach erfolgreichem Master in Psychologie
eine 3-5 Jährige Ausbildung absolviert werden. Studierende sind nicht reich,
Azubis ebenfalls nicht, und die Ausbildung zur Psychotherapeut*in kostet extra –
in NRW zwischen 24.000€ und 31.000€ (Quelle: BPtK, Stand 25.03.2026). Wer
anschließend gesetzlich Versicherte behandeln möchte, muss sich für einen
Kassensitz bewerben. Dieser kostet je nachdem, wo er sich befindet, 50.000€ bis
180.000€ (Quelle: Tagesschau Stand 13.12.2024). Die Verfahren dahinter sind
extrem intransparent und unübersichtlich.
Da ist es kein Wunder, wenn viele Psychotherapeut*innen mit Schulden in den
Beruf starten (Quelle: Spiegel, 29.08.2019). Und hier fangen auch die
Auswirkungen für die Patient*innen an:
Die Kosten für einen Kassensitz sind abschreckend – wenn überhaupt gerade
genügend frei sind, und die niedrigen Honorare danach sind ebenfalls
demotivierend.
Was hier also befeuert wird, ist etwas, das ohnehin schon schleichend immer
weiter vorangeschritten ist: die Privatisierung von psychotherapeutischen
Praxen.
Im Umkehrschluss bedeutet das, dass Patient*innen die Kosten ausgleichen müssen,
welche die Krankenkassen nicht bereit sind zu zahlen. Somit wird Hilfe keine
Frage des Bedarfs, sondern eine Frage des Geldes.
Forderungen
Als GRÜNE JUGEND NRW fordern wir weitere zusätzliche Kassensitze und einen
transparenten Umgang mit den Kosten und Kriterien! Die 24,5 zusätzlichen
Kassensitze aus 2024 waren ein guter Anfang, aber vor allem in den ländlichen
Bereichen und im Ruhrgebiet braucht es weitere Sitze, um die Versorgung der
dortigen Anwohner*innen zu sichern. Existierende Kassensitze müssen zu einem
bezahlbaren Preis übernommen werden können und die Bewerbungsprozesse
transparent gemacht werden.
Zusätzlich fordern wir eine kostenfreie Ausbildung! Gerade in Zeiten von Krisen
werden Psycholog*innen mehr denn je benötigt, finanzielle Hürden dürfen
potentielle Anwärter*innen nicht von der Ausbildung abhalten.
Die GRÜNE JUGEND NRW setzt sich für die Rücknahme der Kürzungen ein und fordert
die Erhöhung der Honorare von Psychotherapeut*innen. Damit Psychotherapeut*innen
gesichert sowohl für Kassen- als auch Privatpatient*innen zur Verfügung stehen,
müssen die Honorare so hoch sein, dass Psychotherapeut*innen finanziell
nachhaltig abgesichert sind.
Wir fordern realistische und zeitgemäße Maßstäbe sowohl bei der Bestimmung der
Vergütung als auch bei der Kassensitzverteilung. Die Verhältniszahlen in der
psychotherapeutischen Bedarfsplanung müssen um mindestens 20 % gesenkt und die
Finanzierung muss mit realistischen Zahlen verglichen werden.